Gedenkstunde a la Bundestag

Januar 30th, 2012

Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Rede zur Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus: “Da sind Einzelne, Vereine, ganz Dörfer, da sind Menschen, die den Rechtsextremen, die durch ihre Städte marschieren wollen, immer wieder entgegentreten und zeigen: Wir dulden eure Diffamierungen, eure Gewalt, euren Hass nicht, schon gar nicht eure Gewalt. Es sind Menschen, die Zivilcourage beweisen, die nicht wegsehen, Diskriminierungen nicht unwidersprochen stehen lassen. Es sind Menschen, die ein Beispiel geben, die Mut machen …

(er vergaß in seiner Betroffenheitsbesoffenheit offensichtlich Folgendes hinzuzufügen, das kann ja in der Aufregung schon mal passieren:

Es sind Menschen, deren Arbeit  durch eine Fachministerin, die meiner Partei angehört, beeinträchtigt, diffamiert und z.T. unmöglich gemacht wird.

Es sind Menschen, die in nicht seltenen Fällen von den Nachfolgern derjenigen, die die bisher schrecklichsten Verbrechen begangen haben, in staatlichem Auftrag des Parlaments, dessen Präsident ich bin, beobachtet. bespitzelt und denunziert werden.

Es sind Menschen, die bei den Gewaltandrohungen und -anwendungen seitens der ideologischen Nachfolger der NS-Verbrecher in dem Staat, auf den ich so stolz bin, in der Regel schutzlos gelassen werden.

Es sind Menschen, dir nur auf’s Äußerste bestürzt und resigniert zur Kenntnis nehmen mussten, dass in dem Staat, auf den ich so stolz bin und in dessen oberstem Parlament ich Präsident bin, wieder offen von einem “Juden-Gen” gesprochen werden darf und rassehygienisches Gedankengut, nur wenig kosmetisch verbrämt, wieder von vielen meiner ParlamentskollegeInnen geduldet und z.T. sogar promotet wurde und wird.

Es sind Menschen, die ebenso bestürzt die skandalösen Auschwitzvergleiche des Ex-Taxifahrers, später Außenminister, Fischer zur Legitimierung eines völkerrechtswidrigen Krieges – als Dammbruch für eine dem Gedenken der Weltkriege-Leidtragenden gegenüber nur zynisch zu bezeichnenden Haltung der Remilitarisierung für geostrategische, regime-change und andere Interessen, denen vor allen Dingen gemein ist, dass sie mit Menschenrechten aber auch gar nichts zu tun haben – herangezogen wurden.

Es sind Menschen, die bestürzt und so aufgebracht, wie es eigentlivh alle Demokraten sein müssten, die Beteiligung der Bundeswehr an Kill-Kommandos der US- bzw. NATO-Streitkräfte versuchen zu skandalisieren und dabei von einer gespentistischen Mauer des (Ver-)schweigens in der öffentlichen Diskussion in dem Staat, auf den ich so stolz bin und in dessen oberstem Parlament ich Präsident bin, umgeben werden.

Es sind Menschen, deren Aufruf zur Solidarität mit zwei von aggressiven Kräften berohten Völkern böswillig zur Solidarität mit Diktatoren umgedichtet wurde. Dies fand in dem Parlament, dessen Präsident ich bin in einem Land, auf das ich so stolz bin, alles statt”; 

Ich habe mir erlaubt, den versehentlich vergessenen Text wieder einzufügen, Herr Lammert wird mir das sicher nachsehen, J.V.).

 

achim

Schizophremismus

Januar 26th, 2012

Was die Politik sich zu leisten traut, ist schon erstaunlich. Wie schön wäre es gewesen, wenn die sarkastischen Artikel bezüglich des Umgangs mit dem Rechtsextremismus auf diesem BLOG (hier und hier) sich als übertrieben herausgestellt hätten. Stattdessen wird es immer schmieriger und unappetitlicher.

 

  • Von einer selbstkritischen Reflexion des Gebahrens staatlichen Verfassungsschutzes ist man weit entfernt, es wird ein bischen heiße Luft zur Beruhigung des Wahlpöbels produziert, das war’s dann. genau so war es hier vorhergesagt worden. Eigentlich ist ja alles in ordnung und natürlich muss man beide Extremismusseiten im Auge behalten.
  • Dieses ist derartig verquer, dass nun sogar einige Parlamentarier der LINKEN außerhalb dieser Partei und einige pseudokritische Journalisten der Partei lauwwarm beispringen. Dabei sind diese ja eigentlich voll damit beschäftigt, zu “investigieren”, ob der Füllfederhalter, der zur Unterschrift der Wulff-Kredite benutzt wurde, ein Geschenk war oder nicht.
  • Anderes wird dabei (lieber) nicht erwähnt. Die gegenwärtige Regierungslinie im Hinblick auf den Verfassungsschutz ist nicht nur im Hinblick auf den weiter ungenierten Gebrauch der obszönen Extremismus”theorie” zum Erbrechen. Die Praktiken des Verfassungsschutzes erinnern weiterhin zum einen fast satirisch an die Datensammelwut der doch sonst so verhassten STASI der DDR. Wie anders sollte beispielsweise über den in der Öffentlichkeit transparent agierenden Wolfgang Gehrke mehrere tausend (!) Seiten zusammenkommen.
  • Zum anderen ist der Vergleich von Links- und Rechtsextremismsus durchaus erhellend, wenn man ihn denn wenigstens konsequent zu Ende führte.  So macht es schon einen Unterschied, ob Mörder unisono als tapfere “Nationalhelden” gefeiert werden, wie bei allen abscheulichen Verbrechen in der rechten Szene üblich und völlig logisch aus der Ideologie folgend. Oder ob man die – im übrigen nur in einer kleinen Phase der bundesrepublikanischen Geschichte, schon zu dieser Zeit auch in der “linksextremen”  Szene durchaus umstrittenen – Gewalttaten, die deutlich weniger als zehn Prozent der allein bekannten rechtsextremistischen Gewaltexzesse ausmachen, weit überwiegend moralisch und politisch verurteilt. Nimmt man dann noch hinzu, dass selbst diesen Randphänomenen in der “linksextremen” Szene ohne rechtsextreme Provokation noch die (Gewalt-)Ziele abhanden kämen, fragt man sich, was mehr besorgt: Das unbekümmert-dilletantische, kleingeistige Agieren der Politik-Darsteller oder das Publikum, das sich das mindestens bieten lässt.
    • Dieser  ”Schizophremismus” war in der heutigen Bundestagssitzung deutlich spürbar. Da wurde in der aktuellen Stunde zur Beobachtung/Bespitzelung der Abgeordneten von “DIE LINKE” geradezu abenteuerlich die FDGO mit der “sozialen Marktwirtschaft” gleichgesetzt. Abgesehen davon, dass es “soziale Marktwirtschaft” gar nicht mehr gibt, hat das Bundesverfassungsgericht diese Gleichsetzung abschließend ausgeschlossen. Ebenso entblödete sich ein gewendeter OST-CDU-Politiker dann auch, die RAF-Reste als mindestens so gefäghrlich darzustellen wie die NSU-Mordserie. Hiervon wichen lediglich Beck und Wifelspütz ab.
    • In der folgenden Debatte un den Untersuchungsausschuss betonte man dann die Einigkeit der Demokraten, worin DIE LINKE dann dem vorigen diametral widersprechend auf einmal wieder eingemeindet wurde. Das ging nur, weil man sich über alle Maßen naiv gab, wie es zu den Morden unter staatlicher Aufsicht denn nur gekommen sein könnte. Und selbst diese Schmierenkomödie konnte dann nicht bis zum Ende durchgespielt werden, Uhl (wer sonst?) setzte dann zum Abschluss der Debatte natürlich noch einmal militanten Rechtsradikalismus mit Kommunismus gleich. Es wäre mehr als verwunderlich, wenn der Ausschuss mehr würde als ein jämmerlicher Rohrkrepierer.

achim

Wulff – so viel Klarheit war selten

Januar 6th, 2012

Endlich bringt ‘mal einer das Amt des Bundespräsidenten ansatzweise auf einen national und international akzeptablen Stand. Konnte man international bisher nur mit Neid auf das Ausland schauen, mit welchen Machenschaften und Unternehmungen PolikerInnen unbeeindruckt in ihren Ämtern bleiben  und sie von allen Seiten repektiert bis ihnen huldigend an den Tischen der politischen Repräsentanz Platz nehmen konnten, beginnt die BRD nun endllich aufzuschließen. Zwar können das Sujet der “Verfehlungen” – typischerweise ein Häuslebauerkredit – und die tölpelhaften Interventionen des Herrn Wulff noch nicht so richtig internationales Format aufweisen – man denke nur an Putin, die Kennedys, Berlusconi – aber immerhin zeigt hier jemand guten Willen. Das ist unbedingt zu würdigen.

Dabei ist bei Wulff nicht mehr und nicht weniger Richtiges im Falschen oder Falsches im Richtigen als bei unseren anderen Laiendarstellern auch. Mal Hand auf’s Herz: Hätten wir uns als Linke nicht schon immer einen Bundespräsidenten gewünscht, der der BILD den Krieg erklärt? Zwar wäre uns ein anderer Anlass sicherlich lieber gewesen, und schön wäre es auch gewesen, die Kriegserklärung auch in gedruckter Form archvieren zu können, aber man kann eben nicht alles haben.

Übersehen wird in dem allgemeineren Gegeifere von BILD bis zur Süddeutschen auch, dass Wulff durchaus ein demokratietaugliches Format für seine “Erklärungen” gewählt hat: Den öffentlich-rechtlichen Rundfunksanstalten kommt nämlich in einer Demokratie per Gesetz eine besondere Bedeutung zu – das scheint in der empörten Häme über das sogenannte “Staatsfernsehen” irgendwie vergessen zu machen sollen. Auch Bettina Schausten vergaß, in dem Werbehinweis innerhalb von “heute” auf dieses medienpolitische Detail hinzuweisen.  Eine allgemeine Pressekonferenz – wozu sollte die nötig gewesen sein? Das, was es zu gegebener Zeit von den Medien gegolten hätte, aufzuklären, ist längst vorbei – wieso sollte ein Bundespräsident hier eine kostenlose Nachhilfestunde geben? “Investigiert” wurde ja eben nix, sondern Kenntnisse der BILD-Zeitung wurden – fernab jeglichen Informationswillens – zu einem diesem Hetzblatt genehmen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gebracht. Nahezu alle sogenannten seriösen Blätter sind dann angesprungen – wohl in einer Art Überkompensation bisheriger redaktioneller Versäumnisse. Auf die Stilblüten, die dies zeitigte, konnte Wulff zu Recht in seinem Interview süffisant hinweisen.

Und dieses Interview war Aufklärung in gutem Sinne. Wie es um den Respekt des Bundespräsidenten bestellt ist, wurde in Schaustens Äußerung deutlich, dass “Wulff zur Transparenz getreten werden müsste”.  Wulff konnte diese Repektlosigkeit nur “in neu gewonnener Lebensklugheit” demütig über sich ergehen lassen. Ebenso wurde sein “Charakter” deutlich. Zwischen den salbungsvollen Formeln, die er ja nach wie vor beherrscht und seinen Äußerungen in der Sache, die nur desorientierend, dumm und moralisch skrupellos waren, gab es keinerlei Brücke, wie sollte es auch. Diese gerade genannten Eigenschaften heben ihn aber nicht aus der politischen Klasse heraus, sondern ordnen ihn lediglich standesgemäß dort ein – und endlich ergreift ‘mal jemand die Chance, das für jeden nachvollziehbar zumindest im Ansatz durchzuführen. Was soll denn dieses bigotte Ereifern, darüber, dass er – ohne jegliches Schuldbewusstsein (dazu ist er intellektuell wie moralisch unfähig) - einer stinkreichen Unternehmensgattin einen sicheren Hort bietet angesichts der Finanzmarktturbulenzen, bei einer “guten Adresse” ihr Geld zu parken. Die nahezu gesamte politische Klasse nimmt für ähnlich gelagerte Freundlichkeiten in ganz anderer Dimension ganze Volkswirtschaften in Geiselhaft.

Er erweist dazu ein beachtliches Gespür, der Öffentlichkeit genau so viel zuzumuten, wie ihr derzeit noch gerade erträglich ist. Insofern erfüllt er perfekt Merkels Erwartungen, über seine Fähigkeit, “dem Volk Orientierung zu geben”. Dabei zieht er sie geradezu lausbubenhaft mit geschickter Naivität über den Tisch: Seien Sie mal von einem auf den anderen Tag statt Ministerpräsident von Niedersachsen nun Bundespräsident! Und selbst in der Defensive kann er noch  Schausten zu dem Bekenntnis treiben, dass sie bei Freunden Übernachtungen bezahlt – wie blöd ist das denn! Da sollten wir uns in den nächsten dreieinhalb Jahren noch einiges erwarten dürfen.

Und die übrige Klasse weiß, was sie an ihm hat. Die kleinlauten Rücktrittsforderungsandeutungen einiger Hinterbänkler und PolikerInnen der zweiten Reihe dienen dem allgemeinen Politiktheater: Die SPD und GRÜNEN nutzen es, um der Regierung an’s Bein zu pissen und sie weiter sturmreif zu schießen. Schließlich steht ja nun eine Wiedergutnachung an: Haben die SPD und die GRÜNEN seinerzeit den “bad-cop”-Job übernommen, den Sozialstaat zu zerstören und Deutschland wieder als Kriegsnation zu etablieren, hat die CDU/CSU/FDP nun ähnliches mit der Inszenierung Groß-Berlins in Europa gemacht. So wie die Christlich-Liberalen daran gut anknüpfen konnten, möchte dies nun die Rot-Grüne Phantom-Koalition – in Regierungsverantwortung weitermachen wie bisher! Da ist Wulff so irrelevant wie Gauck es wäre. Jener lässt sich zurzeit eh’ nicht recht in Szene setzen, weil sein bornierter Antisozialismus nach Norwegen und den NSU-Morden unter Staatsaufsicht sich nicht so gut verkaufen lässt. Außerdem erledigt Frau Schröder diesen Job nun.

Abgelenkt hat dieses Theater im schlechtesten Sinne wohl kaum zufällig von Wichtigem: von der Euro-Krise, von den Vertuschungen beim Verfassungsschutz und anderen Geheimdiensten, von den katastrophalen Entwicklungen bezüglich der Rückholung des Atomschrotts aus der Asse, von den Kriegsvorbereitungen gegen Iran  und bzw. nach neuester USA-Militärdokrin oder Syrien und und und …

 

Also: Jedes Volk hat das Staatsoberhaupt, das es verdient. Genau darum muss Wulff im Amt bleiben!

Offener Brief an Gregor Gysi

Dezember 26th, 2011

Lieber Genosse Gregor Gysi,

die Weihnachtszeit wird von vielen Menschen unabhängig von einem kirchlichen Bekenntnis gerne als Zeit des inneren Zwiegesprächs über das eigene Leben genutzt. Insofern bedanke ich mich bei Dir, wieder einmal durch Dich einen Impuls bekommen zu haben, ob DIE LINKE weiterhin meine politische Heimat sein kann.

Andererseits kann ich nicht verhehlen, dass mich diese Frage, zu der ich mich immer wieder genötigt sehe, auch langsam nervt. Der seinerzeit geniale politische Schachzug von Oskar, durch die Vereinigung der WASG und PDS eine Chance zu eröffnen, eine sozialistische Kraft in der BRD dauerhaft oberhalb der magischen 5%-Grenze zu etablieren, hat mich begeistert und in die Hoffnung gebracht, dass ich mir, trotz erwartbarer Enttäuschungen und problematischen Entscheidungen/Entwicklungen über meine Parteimitgliedschaft eigentlich keine Gedanken mehr zu machen bräuchte. Nun, man muss sich aber den tatsächlichen Entwicklungen stellen.

Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass Dir m.E. eine solche weihnachtliche Reflexion durchaus auch gut getan hätte. Du hättest Dich z.B. fragen können

  • ob es nicht langsam an der Zeit wäre, bei Deinem “lieben Hendrik Broder” Dein Erscheinen mit ihm als “stolzer Deutscher”  auf seiner homepage zu unterbinden,
  • ob es nicht langsam an der Zeit wäre, Deine durch wikileaks bekannt gewordenen irritierenden Äußerungen zur Frage der NATO der Partei gegenüber klarzustellen,
  • ob und wieweit die alleine von Dir in der Partei etablierte Position des “Zentrismus” Dich eigentlich berechtigt, den Sinn von Parteitagsbeschlüssen außer Kraft zu setzen, wie in der Frage der Fraktionsspitze der Bundestagsfraktion geschehen.

Es gäbe durchaus noch Weiteres, aber belassen wir es einmal dabei. Jedenfalls tust Du das alles nicht.

 Stattdessen lässt Du nun die bürgerliche Presse kolportieren, wie Du  die von ebendieser der Partei aufgenötigte Personaldiskussion zu lösen gedenkst: Nämlich durch eine an allen parteidemokratischen Strukturen vorbei  gehende Kungelrunde. Also, wenn das der Stil der Partei (weiterhin) sein soll, auch in der Phase, nachdem nun ein Parteiprogramm verabschiedet wurde, wird dieses nicht mehr meine Partei dauerhaft sein können. Ich habe den für eine politische Betätigung nicht hoch genug zu schätzenden Vorteil, auf diese weder materiell noch identitätsstiftend angewiesen zu sein. Im Gegenteil bezahle ich enen recht hohen Beitrag materiell und immateriell an unbezahltem Engagement. Dieses mache ich ausgesprochen gerne, solange ich das Gefühl habe, dass neben den unbestreitbar richtigen Einsichten von Marx und Engels auch basisdemokratische Ideen, wie sie von den Grünen ursprünglich in die Debatte der politischen Öffentlichkeit getragen wurden, dann allerdings von ihnen selbst bis zur Unkenntlichkeit verhunzt wurden, in DIE LINKE eine neue Heimat gefunden haben, die nicht nur zur Beruhigung der Parteibasis proklamiert werden, sondern auch von, seien wir realistisch, zumindest der Mehrheit der Parteimitglieder auf allen Ebenen und Funktionsebenen gelebt werden.

 

Diesem Gedankengut widerspricht die Entscheidungsfindung in solchen, von Dir rhetorisch verbrämten Kungelrunden diametral, sie sind vielmehr dem procedere der Papstwahl viel näher. Aber eben für so etwas bin ich nicht aus der Kirche ausgetreten, um ihnen nun in anderer Form beizuwohnen und statt Kirchensteuer Parteibeiträge zu bezahlen.

Wir haben gewählte Parteivorsitzende mit festgelegter Amtszeit, sowie ein von der Parteisatzung vorgeschriebenes procedere für deren Neu- oder Wiederwahl. Einen außersatzungsgemäßen Notstand hätten Gesine und Klaus allenfalls durch Versagen in der Programmdebatte herbeiführen können als dem zentralen Aufgabenfeld der Selbstverständigung der Partei. Dieses ist ganz augenscheinlich nicht der Fall.  Also sind auch diese penetrant geführten öffentlichen Diskussionen, wer sie möglicherweise beerben soll, außerhalb des satzungsgemäßen Verfahrens contraproduktiv und unsolidarisch. Es ist lediglich zu entscheiden, ob für die Wahl unserer Vorsitzenden ein Mitgliederentscheid eingeführt werden soll, oder ob es bei dem der bisherigen Satzung gemäßen Wahl per Parteitag bleiben soll. Darüberhinaus könnte ein Sonderparteitag einberufen werden.

Alles andere mag dem ego einiger Spitzenfunktionäre oder solchen, die es werden Wollen/sollen, dienen, eine parteidemokratische Legitimation besitzen solche Verfahren allerdings nicht.

Neben der Papstwahl können sie allenfalls auf die Attitüden von Wulff oder von v. Guttenberg zurückgreifen, die deulich machen, dass sich gewisse “Eliten” eben nicht an das demokratisch Vereinbarte halten müssen. Einem solchen demokratischen Supergau würde ich sicherlich weder Geld, noch Zeit noch sonstiges Engagement zukünftig entgegenbringen.

 

In diesem Sinne, Dir und Deiner Familie die besten Wünsche für ein gesundes und befriedigendes 2012 und herzliche sowie solidarische Grüße

 

Joachim Voigt, KV Düsseldorf

Wulffs Drohung

Dezember 24th, 2011

Unser amtierender Grüßaugust droht der Bevölkerung: Er werde sein Amt  mit voller Kraft bis zum Ende ausüben. Man fragt sich, womit hat das diese Bevölkerung verdient.  Diese bezahlt mittlerweile einen Bildungsurlaub deluxe nach dem anderen. Durfte sich zunächst die Piratenpartei in Berliner Fraktionsstärke einen fünfjährigen Bildungsurlaub in politischen Grundkenntnissen genehmigen, darf Wulff dies nun nebst Gattin sogar im Schloß-Ambiente. Er habe gelernt, dass nicht alles richtig ist, was juristisch erlaubt ist. Nun, diese  – für seine Verhältnisse – intellektuelle Höchstleistung ist so normalerweise Stoff der Klasse 12. Niemals habe eine der Vergünstigungen Einfluss auf seine politischen Entscheidungen genommen: Das ist eine faustdicke Lüge. Möglicherweise hat ihm Maschmeyer und die übrige unappetitliche Mischpoke , mit der sich unsere politische Klasse vorzugsweise umgibt, nicht direkt ein Gesetz in die Feder diktiert. Aber Einflussnahme ist auch durch organisierte Alltagserfahrungen anzunehmen. Wie soll sich ein Politiker in die Lage “normaler BürgerInnen” versetzen, wenn er auch noch in seiner Freizeit in einer aufwändig gestalteten Kunstwelt sich ausschließlich aufhält. Die ihm gewährten Vorteile alleine für den Hauskauf bewegen sich nach aktuellen Experteneinschätzungen zwischen 20.000 und 150.000 EURO.  Umgerechnet also zwischen dem 20fachen und 150fachen dessen, was HartzIV-Bedürftige, SoziahilfeempfängerInnen, Im Niedriglohnsektor Beschäftigte im Monat verdienen bzw. an Unterstützung erhalten. Und die dürfen dann nicht die Öffentlichkeit tagelang auf die “gnädigerweise gewährte Audienz” warten lassen, wenn der Verdacht auf irgendwelche Unregelmäßigkeiten besteht. Vielmehr wird von denen dann straf- und kürzungsbewehrt kleinlichste Auskunft gefordert, ein Rechtsanwaltskonsortium können sie natürlich nicht zur Etablierung juristischer Winkelzüge aufbieten. Merkwürdigerweise wird diese zutiefst soziale Dimension, die die ganze kriminelle Schäbigkeit des Wulffschen Gebahrens erst so richtig deutlich macht, weder von den OpppositionspolitikerInnen noch von der Journaille thematisiert – welche Chancen auf Teilhabe als “gehobene Kunden” will man sich da nicht verbauen?  Auch thematisiert wird nicht, dass offenbar die Vorgänge persönliche Konsequenzen erfordern – erwischt hat es den ehemaligen Sprecher (es trifft den Esel)  - aber wieso nun von jemandem, der mit der Sache selbst, um die es geht, erst einmal gar nichts zu tun hat. Jedenfalls dürfte diese Weihnachtsansprache die lustigste seit der Verwechslung der Videokassetten zu Kohls Zeiten werden – das macht Hunger auf mehr.

 

achim

Kommunale Berichterstattung

Dezember 16th, 2011

Zur Haushaltsdebatte im Düsseldorfer Rat “informierte” die WZ auf eigentümliche Art und Weise: Alle Haushaltsreden wurden als pdf-dowmload auf wz-newsline gestellt. Wirklich alle? Natürlich nicht. Die Haushaltsrede von DIE LINKE fand natürlich keiner Erwähnung.

 

Also:

 

Joachim Voigt
Benrodestr. 120
40597 Düsseldorf

An die
WZ, Chefredaktion

Sehr geehrter Herr Vogler,

hiermit kündige ich mein Abonnement zum nächstmöglichen Zeitpunkt.

Ich habe Ihre Zeitung sorgfältig getestet. Leider entspricht eine schlechte und völlig überteuerte Kopie einer manipulativen Regierungszeitung, wie sie in Deutschland bisher im Kaiserreich, in der Spätphase der Weimarer Republik und in der DDR üblich war, nicht meinen Vorstellungen eines professionellen Journalismus.

Wenn sich die redaktionelle Linie einer Tageszeitung in den Kommentaren und einer gewissen Schwerpunktsetzung niederschlägt, ist das völlig in Ordnung, da es eine „objektive Berichterstattung“ bekanntermaßen nicht gibt. Da habe ich auch keinerlei Sympathien für DIE LINKE erwartet. Etwas gänzlich anderes ist es allerdings, wenn die Position einer demokratisch in den Rat gewählten Partei faktisch überhaupt nicht dargestellt wird, zumindest in der wichtigen kommunalen Etatdebatte. Wenn das geschieht, hat das mit Journalismus aber auch rein gar nichts mehr zu tun.

Dass Sie überhaupt Exemplare verkauft kriegen, ist sicher überwiegend auf die mangelnde Konkurrenz und die oligopolen Strukturen der Medienlandschaft zurückzuführen sowie die bekanntermaßen schlechte historisch-politische Bildung in der BRD, auf der dann relativ konstant ca. ein Viertel rechtsextrem sympathisierender BürgerInnen und ein Zehntel manifest rechtsextrem Denkender (wenn man das denn so nennen will) sich aufbaut, da tut sich seit den Untersuchungen von Habermas u.a. in den sechziger Jahren wenig.

Wie stolz man auf des Erfolg eines Produkts sein kann, dass sich einem solchen Bedingungsgefüge verdankt, muss natürlich jede(r) für sich selbst entscheiden. Da haben Sie sich klar positioniert, was ich respektiere.

Vielen Dank für die Weiterleitung meines Anliegens an die Abonnementverwaltung und Ihnen und Ihrer Familie ein friedliches Fest und guten Rutsch in 2012

Joachim Voigt

Aber die Rede ist natürlich verfügbar: Haushaltsrede2012

Mehr gibt’s zur destruktiven, in bekannter Manier vom FDS-Umfeld angeheizten Personal-Debatte nicht zu sagen

Dezember 8th, 2011

DIETMAR BARTSCH

Das verrutschte Lächeln

Autor: U. Gellermann
Datum: 06. Dezember 2011

Gut sieht er aus, der Kandidat: Blondes Haar über festem Lächeln, ein Mann, der sich in den Medien gut schlägt, der Antworten manchmal schneller gibt als Fragen gestellt wurden. Dietmar Bartsch ist einer, der von sich selbst überzeugt ist: Auch deshalb kandidiert der gebürtige Stralsunder für den Parteivorsitz der Linkspartei. Seine solide Ausbildung als Wirtschaftswissenschaftler, als ehemaliger Schatzmeister der PDS und als deren Bundesgeschäftsführer geben ihm jene Karriere-Grundierung, die ein Kandidat braucht. Was ein Kandidat sonst noch mitbringen sollte, Inhalte und Positionen, lieferte der Mann auf seiner Kandidatur-Pressekonferenz sonderbar karg.

“Antikapitalismus allein reicht nicht”, wusste der Bundestagsabgeordnete und unterstellte dem bisherigen Kurs seiner Partei damit eine antikapitalistische Begrenzung. Sieht man davon ab, dass die Mitglieder seiner Partei jede Menge Kommunal- und Landespolitik bewegen, in der sie fraglos unterhalb des puren Antikapitalismus agieren, steckt in Bartschs Satz eine verächtliche Kritik des Antikapitalismus, die er schnell mit dem Satz ergänzt: “Die alte radikale Linke hat sich überlebt.” Mitten in der tiefsten Krise des Kapitalismus seit langem soll sich die radikale Linke überlebt haben, soll der Antikapitalismus unzureichend sein?

Der Mann, der in den Medien als “Praktiker” firmiert und gern gegen die “unpraktischen” linken Linken ausgespielt wird, hat von seiner eigenen Partei, deren Kurs er offenkundig als überlebt begreift, ein sonderbares Verständnis: In einem Gespräch mit dem SPD-Vorsitzenden Gabriel, dokumentiert vom “Stern”, reagierte er auf dessen Angebot doch in die SPD zu kommen mit einem bemerkenswerten Satz: “Um mich dorthin zu kriegen, müsste die Linke sich so entwickeln, dass sie nicht mehr meine Partei wäre.” Nicht die SPD müsse sich ändern, damit Dietmar Bartsch sie in Betracht zöge, nein, er befürchtete, dass die eigenen Truppen sich so ändern könnten, dass er ins sozialdemokratische Exil ziehen müsste.

Und damit klar wird, worum es dem Linkspolitiker geht, verkündet er: “Die Linke braucht einen neuen Aufbruch” und sie solle “ihren Weg klar beschreiben und konsequent gehen”. Unterhalb des hübschen Marketinggeklingels schwimmt dann ein Satz wie dieser: “Nun wird das Programm auf seine Politikfähigkeit getestet.” Nicht, dass das Erfurter Programm seiner Partei umgesetzt werden solle, steht auf der Agenda des Kandidaten. Er will es erstmal testen um dann, wenn die LINKE “lernfähig” ist, “anderen die Hand zu reichen”. Wem zu welchen Konditionen die Hand gereicht werden soll, mag Dietmar Bartsch nicht sagen, doch fällt ihm noch ein, dass es nicht reiche, nur Druck auf die SPD auszuüben. So, als ob das alles wäre, was die Linkspartei bisher zu bieten habe. Und so, als nähme man den linken Druck von der SPD – wie mit den Koalitionen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern geschehen – die LINKE dann herrlichen Zeiten entgegen schreiten könne. Die Wahlergebnisse im Resultat der Anpasser-Koalitionen sprechen eine andere Sprache.

Nur manchmal verrutscht dem Kandidaten das Dauerlächeln. So jüngst bei einer Diskussion in Berlin-Mitte, als er auf die Frage, wie er sich denn die vielen widerstreitenden Meinungen und Fraktionskämpfe in der Linkspartei erkläre, einen interessanten Blick in seine Psyche ermöglichte: Da in Zeiten schlechter Wahlergebnisse die Mandate knapper seien, würden sich die Abgeordneten der Linkspartei um die Posten streiten wie “die Hartz-Vierer um den Alkohol”. Wer so über seine Leute denkt und offenkundig annimmt, dass der Suff das Erkennungsmerkmal der Arbeitslosen ist, der kann, auf dem Weg in die FDP, die Mitgliedschaft in der SPD gleich überspringen.”

 

Ulrich Gellermann via rationalgalerie

Kapitulationserklärung

Dezember 5th, 2011

“REGIERUNGonline” – Wissen aus erster Hand
 
Gemeinsame Erklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen
Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy
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“Deutschland und Frankreich nehmen (erleichtert? besorgt? empört? zustimmend?. J.V.) zur Kenntnis, dass Standard & Poors ankündigt, die Kreditratings mehrerer Euro-Mitgliedsstaaten zu überprüfen.”
 
*Hackenzusammenknall* (Das können schließlich beide Staaten noch) vor den Rating Agenturen und implizites Drohen dem Peripherie-Europa gegenüber, der typische kleinbürgerliche Sozialcharakter, wie er von Heinrich Mann glänzend literarisch in Szene gesetzt wurde.

 

“Deutschland und Frankreich bekräftigen ihre Überzeugung, dass die heute von beiden Regierungen gemeinsam gemachten Vorschläge die haushalts- und wirtschaftspolitische Koordinierung der Eurozone stärken und so Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum (in der Eurozone oder in BRD-Frankreich?, J.V.) fördern werden.”
 

Also: Das Kerneuropa entscheidet für das Peripherie-Europa.


“Deutschland und Frankreich sind solidarisch in ihrer Entschlossenheit, gemeinsam mit ihren europäischen Partnern und den europäischen Institutionen alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um die Stabilität (die finanzmarkttechnische? die kapitalistische? die soziale?) der Eurozone zu gewährleisten.”

 

 Wer will denn gegen eine solche Solidarität des Kerneuropas (also nur die sind miteinander solidarisch; eine Solidarität mit anderen Staaten ist ganz offensichtlich nicht vorgesehen!) schon ernsthaft aus dem Peripherieeuropa anstinken? Immerhin wird nun noch französisch als zweite “Verwaltungssprache” anerkannt. Wenn das keine Aussöhnung mit dem Erbfeind ist. Die europäischen Peripherieländer können ja schon ‘mal sehen, wie seitens des IWF (u.a. mit dem späteren deutschen Grüßaugust Köhler) der “Washington-Consensus” in sogenannten unterentwickelten Staaten implementiert wurde.  Das blüht ihnen nun durch den “BERLIN-paris – Consensus” wohl ziemlich ähnlich, wie ja bereits in Griechenland und Italien demonstriert. Jetzt werden die Instrumente geschaffen, dass solcherart Machtausübung dann schnellstmöglich “n o r m a l e s  Verwaltungshandeln” werden kann. Schließlich sind sowohl Steinmeier wie auch Steinbrück Verwaltungskarrieristen und Gabriel, naja, der wird dann den zartrötlichen Gute-Laune-Bär mimen und weiterhin Konflikte mit “linken” Gottesfrau Nahles simulieren.

 

Insgesamt kein schlechter Taschenspielertrick. Durch die vermeintliche Gleichstellung Frankreichs wirkt das Großmachtgebahren nicht ganz so penetrant.Sage keiner, Merkel wäre nicht lernfähig.

 

Wenn das schon “Wissen” aus erster Hand ist, wie ist es da erst um das Wissen aus zweiter oder noch späteren Händen bestellt. Und wie waschen sich wohl die Hände alle untereinander?
 

 

achim

 

für die Bedeutung des “Normalen”:

Jürgen Link:  Ein Land, das “nicht normal” ist, muss seine Hegemonie “ohne Kraftmeierei” managen!

Von Bonn 1981 nach Bonn 2011

Dezember 4th, 2011

 

 

(Fast) gleicher Ort – teilidentisches Kulturprogramm (Bots) - und sonst? Eine Mixtur positiver und negativer Aspekte aus meiner Sicht.

Mobilisiert worden ist früh und ausführlich. Der Kasseler Friedensratschlag hat sogar mit seiner Tradition gebrochen, ihn am ersten Dezember-Wochenende stattfinden zu lassen. Mobilisiert wurden so maximal 5000 TeilnehmerInnen. Das ist zwar besser als nichts, aber – auch wenn niemand die 300.000 von 1981 erwartet haben wird - eine schmerzhafte Klatsche für die Friedensbewegung. Am Anlass kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Am Wetter, nur bedingt, es werden doch nicht so viele Friedensbewegten von schmerzhafter Gicht und Rheuma heimgesucht worden sein. Vielleicht an der Masse wichtiger Veranstaltungen und Proteste – Gorleben, Gronau, Bankenumzingelung etc. Das wäre noch die sympathischste Erklärung, aber, nimmt man das Eingangsstück der Bots beim Wort – “Weiches Wasser …” diese paar Proteströpfchchen werden ganz sicher nicht die militaristischen Beton- und St(r)ahlgewitterköpfe auf dem Petersberg beeindrucken.

Was demgegenüber von 1981 blieb – der friedliche Auftritt des Protests. Den war nicht zuletzt seitens der damaligen Grünen als neue Kultur auf der legendären Demo etabliert worden und hat zu einer deutlich erhöhten Akzeptanz der Proteste in der Bevölkerung geführt. Hieran haben  sich auch – auch das ein erfreulicher Aspekt - die jüngeren TeilnehmerInnen gehalten, die 1981 allenfalls im Tragegurt schon anwesend waren.

Von diesem historischen Verdienst wollte wohl noch Ströbele zehren – was hat denn die Veranstalter geritten, ausgerechnet den reden zu lassen? Wenn hier der Kern der Friedensbegung etwas unter sich war, war doch kaum zu vermuten, dass vergessen worden wäre, dass ebendieser Ströbele keineswegs gegen die Mandatierung der Bundeswehrtruppen in Afghanistan gestimmt hat in freier verantwortlicher Abwägung, wozu ihn sein Bundestag verpflichtet und berechtigt – er hatte vielmehr lediglich Glück, dass das Los für ihn so ausfiel, dass er gemäß seiner Überzeugung, wenn man innerhalb eines solchen Losverfahrens diesen Begriff überhaupt benutzen sollte, stimmen konnte. Er hat sich an dieser zynischen (oliv-)grünen Veranstaltung ganz im Sinne der hirnlosen, militaristischen Parteiräson, des Los-Kasperletheaters beteiligt (1). Dass ihm dann ein gekochtes Ei oder auch mehrere um die Ohren flog – nun ja, verwunderlich? Und wenn dann der Afghane “aus der Hölle” ihm so eilfertig beisprang, so realisierte dieser offenbar nicht, dass die Werfer und deren SympathisantInnen dieses Leid keineswegs in Abrede stellen wollten, sondern, sich zurecht empörten, dass nun leibhaftig einer der Verantwortlichen dafür eine neunmalkluge Betroffenheits-Rede im Claudia-Roth-Sound halten wollte. In den Medien wird von einer leichten Verletzung gesprochen – wie soll denn ein gekochtes Ei einen Holzkopf verletzen – hm? Und er fand doch auch unbeeindruckt zu seiner selbstherrlichen, zynischen Demagogie zurück, indem er den Werfern und ihren SympathisanntInnen unterstellte,  sie wollten keinen Frieden,  der Eiervorrat war da wohl aber schon aufgebraucht.

Glücklicherweise war er nicht der letzte Redner, sondern die Schülervertreterin konnte direkt am lebenden Patienten sozusagen demonstrieren, dass auch die Jüngeren die Geschichte der Friedensbewegung einschließlich des mehrfachen menschenverachtenden Verrats der Grünen kennen und auch deren Einbettung in die Sozialstaatsdemontageprogramme sachgerecht zuordnen können.

 

Bleibt zu hoffen, dass einige gestern Abwesende wenigstens beim Schlürfen des Glühweins auf einem der vielen romantischen Weihnachtsmärkte, sich  die Zunge verbrannt haben und sie dabei aus dem Marzipan-Koma aufgewacht sind und beim nächsten Mal wieder dabei sind.

 (1): “(taz:) Bevor wir uns der Zukunft widmen: Bei aller Opposition gegen die Politik Fischers sind Sie im Stillen doch ein braver Parteisoldat. Wenn es auf Ihre Stimme angekommen wäre, hätten Sie am vergangen Freitag doch mit Ja gestimmt, oder?

(Ströbele):Diese Frage beantworte ich nicht, weil wir uns in der Gruppe der Acht darauf geeinigt haben, dass vier mit Ja und vier mit Nein stimmen (also eben unabhänig von einer – bzw. hier wären ganz genau acht solche nötig gewesen, ein Einigungsgekungel für parteipropagandistische und machtkalkulierende Zwecke kennt das GG nicht –  selbstverantworteten Abwägung, J.V.). Motivforschung in der Öffentlichkeit für Einzelne mache ich nicht.”

achim.

Wie der kleine Dirki aus Düsseldorf ‘mal mächtig originell sein wollte

November 29th, 2011

Es war einmal ein OB einer rheinischen Stadt, dem eigentlich nie viel für seine Stadt einfiel. Von seinem Vorgänger ererbte er das Prädikat “schuldenfrei” für die Stadt, mit dem er tapfer und nervtötend in den Medien und der Politik bzw. was er dafür hielt, hausieren ging. Für ihn erstaunlicherweise wurde er damit das Image des Langweilers nie richtig los. Auch die Ausrichtung eines schwachsinnigen, aber dafür teuren ESC bewirkte da nichts Einschneindendes.  So kam er dann auf die Idee ‘mal was richtig Modernes machen zu wollen. Also das muss dann, dachte er sich, irgendetwas mit neuen Technolgien sein. So kreierte er dann einen BürgerInnenwettbewerb, mit dem “ …  den Klischees und Vorurteilen ein persönliches, emotionales und schärfer konturiertes Bild von Düsseldorf gegenüber zu setzen (sei, J.V.)”. Wow – bürgerInnennah, kreativ und modern – unser kleiner Dirki.  “Am Ende dieses Prozesses soll auch ein neues Erscheinungsbild, also ein neues “Corporate Design” der Stadt entstehen. … (Dieses soll dann auch noch) maßgebliche Grundlage für die Entwicklung des neuen Erscheinungsbildes und einer anschließenden Kommunikationsstrategie bilden.” Was der für Fremdworte kann. So ein tolles Projekt ist es natürlich Wert, es sich einmal anzusehen.

Also erst einmal natürlich: Jekami (Jeder kann mitmachen) mit jeweils höchstens zehn Beiträgen an Photos, Videos, Texten, die nach einer kurzen inhaltlichen Prüfung – Kriterien unbekannt – auf eine eigens eingerichtete WEB -Seite eingestellt werden. Natürlich können nicht alle Beiträge gleichermaßen in das neue “corporate design” Eingang finden. Deshalb und damit das ganze auch hinreichend Ernst genommen wird, gibt es eine Jury, die die besten und orignellsten Beiträge prämiert – Zahl unbekannt, Kriterien unbekannt, was mit den unprämierten Einsendungen passiert, unbekannt.

 

Aber die Jury kann sich sehen lassen:

 ”1. Prof. Ulrich von Alemann, Heinrich-Heine-Universität

  1. Prof. Tony Cragg, Kunstakademie Düsseldorf
  2. Ulrich Förster, CEO Euro-RSCG
  3. Prof. Dr. Brigitte Grass, Präsidentin der FH Düsseldorf
  4. Evelyne Hammerström, Unternehmerin
  5. Christian Hupertz, CEO der Agentur GREY
  6. Josef Hinkel, CC-Präsident
  7. Christine Janssen, Studentin der Akademie für Marketing und Kommunikation
  8. Dirk Krüssenberg, Präsident des Marketing-Clubs Düsseldorf
  9. Frank Lotze, CEO der Agentur BBDO
  10. Prof. Uli Mayer-Johanssen, Chairwoman Executive Board MetaDesign
  11. Christoph Meyer, Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein
  12. Detlef Parr, Düsseldorfer Jonges
  13. Frank Schnitzler
  14. Verena Schüssler, Schülerin
  15. Jacques Tilly
  16. Prof. Günther Uecker”

Sicherheitshalber klärt uns Klein-Dirki dann noch auf: “Sie hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder eine paritätische Besetzung.” Ich glaube, auf diesen Verdacht wäre außer ihm bei Ansicht dieser Liste auch keiner gekommen. Aber wie sollen denn dann alle BürgerInnen einbezogen werden, oder ist es doch so bürgerInnennah nun wiederum gar nicht gemeint? Wir werden diesbezüglich belehrt: “Die Jury für den Wettbewerb bildet einen Ausschnitt auf der Gesellschaft ab.” Nun kann ich mir trotz erfolgreich abgeschlossenen Germanistik-Studiums nur so ungefähr vorstellen, was er (bzw. seine Marketing-Spießgesellen) damit sagen will.  Aber warum wird nun nur ein Ausschnitt und gerade der – also zu 50% Marketingbuisiness und ein bischen Wissenschafts-, Kultur- und Basisfolklore “abgebildet”? Was ist, wenn möglicherweise die BürgerInnen andere Ausschnitte der Gesellschaft für ebenso wichtig oder (horrible dictu) möglicherweise noch wichtiger hielten. Was wird denn dann aus dem schönen prämierten “corporate design” und der schönen neuen “maßgebliche(n) Grundlage für das Erscheingsbild und seiner Kommunikation?” Ist das denn dann nicht, also mal so ganz möglicherweise, nur heiße Luft mit der BürgerInnenbeteiligung. Wird dann diese Attitüde nicht nur ein Werbegag “proofed by soziale Netzwerke und BürgerInnensinn” für etwas, was eigentlich nur der kleine Dirki und seine Spießgesellen (die ihm ja schon die Idee und die Formulierungen gegeben haben dürften) wollen? Dürfen- sollen – müssen dann alle anderen, die sich nicht in diesem corporate design “abgebildet” sehen, auswandern aus Düsseldorf – “Düsseldorf wird nie wieder eine billige Wohnstadt werden”, hat er ja schon ‘mal der Presse jesacht.

Ein erster Blick auf die Web-Seite lässt so etwas zumindest nicht ausschließen, ‘mal ganz vorsichtig formuliert. Absolut lieblos und technisch amateurhaft gestaltet, die Bilder überlappen stets die eingestellten Texte. Dann gibt es eine Kategorienliste, die wohl kaum alles das abdeckt, was BürgerInnen bewegt: “Arbeiten, Ausgehen, Einkaufen, Familie, Freizeit, Kultur, Lebensfreude, Sport, Sonstiges”. Das liest sich wie ein Brainstorming im Kindergarten: “was meint Ihr denn, liebe 3- 6 jährigen. was für eure Muttis und Pappis so wichtig ist”. Die Kategorien sind weder trennscharf noch vollständig, was ist mit Bildung, Ökologie, Verkehr z.B.?  Darf Arbeit nicht zur Lebensfreude gehören? Wie unterscheidet man nun genau Freizeit, Ausgehen, Kultur und Lebensfreude?

 

Die Betreuer der Web-Seite sind jedenfalls schon jetzt überfordert: Da erscheint die Lauswand bei Sport, der Blick nach Heerdt unter Arbeit usw.

 

Also ich bin wirklich gespannt, wieviele Fliegen auf einen Streich er damit klatscht.

 

achim

 update (15.12.2011):  Hier findet sich eine Gegenkampagne.